Gesünder durch weniger Medikamente
Eines vorab: dieser Artikel sollen keinen Leser dazu veranlassen, seine vom Arzt verordneten Medikamente einfach abzusetzen und in den Müll zu werfen. Aber er soll bewirken, dass Sie kritisch nachdenken und reflektieren, ob es nicht sinnvolle und wirksame Alternativen gibt
 
Gegen Rückenschmerzen helfen effektiv Gymnastik und Muskelaufbau. Verschrieben bzw. gespritzt wird in der Regel aber Cortison oder Voltaren. Das lindert zwar die Schmerzen für eine Weile, heilt aber nicht. Häufig werden auch fragwürdige Medikamente als höchst wirksam angepriesen. Ein Beispiel: fast alle Frauen bekommen in der Brustkrebsnachsorge ein Medikament namens Tamoxifen verordnet, da es angeblich die Wahrscheinlichkeit, an einem Rezidiv zu erkranken, halbiert. So wird das den Ärzten von der Pharmaindustrie und den Frauen von den Ärzten erklärt. Wenn man aber genauer hinsieht, relativiert sich der Nutzen des Medikamentes. Ohne Tamoxifen liegt das Risiko eines Rezidivs bei 4 Prozent. Mit Tamoxifen bei 2 Prozent. Das ist zwar auch eine Halbierung - das wird den Frauen aber so nie erklärt. Bei den heftigen Nebenwirkungen, die dieses Medikament auslöst, würden viele Frauen das Präparat bei entsprechender Darstellung wohl eher nicht nehmen
 
Komischerweise existieren oft höchst konträre Vorstellungen zwischen den Ärzten, die diese Medikamente verordnen, und den Patienten, die diese Pillen schlucken sollen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele der verordneten Medikamente nicht eingenommen werden, sobald die Patienten den Beipackzettel gelesen haben
 
Bei den meisten Patienten renne ich mit dem Vorschlag, Medikamente restriktiver einzusetzen, offene Türen ein. Toll wäre es, wenn auch meine Kollegen etwas umdenken würden. Doch häufig beiße ich da auf Granit. Im Gegenteil: meine Vorschläge lösen oft wütende emotionale Proteststürme unter den reinen Schulmedizinern ausobwohl sie eigentlich nur dem Wohl des Patienten dienen sollen. Manchmal werden die Medikamente fast ideologisch – und nicht wissenschaftlichverteidigt. Die Wirkung sei doch so gut!
 
Noch einmal ganz klipp und klar: auch ich bin froh, dass ich bei einer Lungenentzündung beispielsweise hochwirksame Antibiotika verschreiben kann. So manches Medikament ist ein wahrer Segen für die Menschheit. Auf der anderen Seite sterben in Deutschland 5 mal mehr Menschen jährlich durch Nebenwirkungen von Medikamenten als im Straßenverkehr
 
Da ich weiß, dass meine kritischen Bemerkungen Proteste meiner rein schulmedizinisch ausgebildeten Kollegen auslösen, behaupte ich nichts, was ich nicht beweisen kann. Ähnlich wie ich denkt auch der Pharmakologe Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, ehemaliger Präsident der deutschen Arzneimittelkommission. Im Spiegel–Interview (40/2009) antwortete er auf die Frage, warum in Deutschland immer mehr Medikamente verordnet werden: „Dahinter steckt eine gigantische Marketing-Maschinerie der Pharmaindustrie, die eine wahre Gehirnwäsche bei der Ärzteschaft bewirkt hat.“ - Die Pharmaindustrie bildet die Ärzte aus. Und das macht sie sehr geschickt
 
Was viele Ärzte nicht wahrhaben wollen: so manche wissenschaftliche Studien ist getürkt. Leider sind die meisten Studien direkt oder indirekt von der Pharmaindustrie finanziert. Und deren Ergebnisse sindhöflich ausgedrückt -  auffallend oft vorteilhaft für die Auftraggeber. Die meisten Universitäten müssen eingestehen, dass ein Großteil der dort laufenden Studien von der Pharmaindustrie finanziert wird, da Staatsmittel nicht zur Verfügung stehen. Laut der renommierten Zeitschrift Nature manipuliert jeder 3. wissenschaftliche Autor seine Ergebnisse durch Unterschlagung oder Uminterpretierung von negativen Fakten, um den Interessen des Auftraggebers entgegen zu kommen. (Martinson BC et al.: Scientists behaving badly. Nature 2005; 435:737-38) (Zylka-Menhorn: Jeder Dritte ist unredlich. Deutsches Ärzteblatt 2005: 102: B1567-68). 
 
Zudem werden Grenzwerte für den Blutdruck oder Cholesterin möglichst weit nach unten korrigiert, damit immer mehr gesunde Menschen zu Patienten werden. Dann nämlich kann man mehr Blutdrucksenker und Cholesterinblocker verordnen. Die Wirkung dieser Medikamente ist in beiden Fällen jedoch mehr als zweifelhaft. Blutdruck und Cholesterin sinken zwar deutlich - das Risiko für die Folgekrankheiten (Herzinfarkt und Schlaganfall) aber wenig bis gar nicht. Viel effektiver wären Bewegung und die richtige Ernährung. Dann sinken nämlich nicht nur Blutdruck und Cholesterin, sondern auch die Folgekrankheiten. Das schafft keine Pille der Welt, was eine halbe Stunde Bewegung täglich und gute Ernährung bewirken können!
 
Fragen Sie Ihren Hausarzt immer nach Alternativen zu den Medikamenten. Signalisieren Sie, dass Sie auch gerne dazu bereits sind, selbst etwas für Ihre Gesundheit zu tun. Hinterfragen Sie die Wirksamkeit der Medikamente ganz genau. Sinken nicht nur Blutdruck und Cholesterin, sondern auch die Folgekrankheiten? Wenn Ihr Hausarzt da einmal recherchiert, wird er auch kritischer denken
 
Quelle: Dr. Spitzbart für Creditreform/Handelsblattverlag